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»Als ich den nachfolgenden Bericht
von Hermann Fitschen im Generalanzeiger las,
wusste ich, dass ich mit meiner Stiftung
auf dem richtigen Weg bin.«
Heiner Buttenberg
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Eine Tragödie
Die Leidensgeschichte der zehnjährigen Stefana aus Rumänien (von Hermann Fitschen)
Die Elterngruppe P.A.V.E.L. in Bukarest
Im Juli habe ich die Elterngruppe P.A.V.E.L. in Bukarest, Rumänien besucht. Geleitet wird diese Elterngruppe durch Olga Ionescu.
Sie betreut krebskranke Kinder während der Behandlungszeit im Krankenhaus und kümmert sich um die betroffenen Eltern,
die mit der Situation, dass ihr Kind an Krebs erkrankt ist, oft total überfordert sind. In Frau Ionescu , die selbst ein Kind hat, das an Krebs erkrankt war,
finden die betroffenen Eltern jemanden, der Ihnen moralische und seelische Unterstützung gibt.
Für die Betreuung der Eltern, aber auch als Übernachtungsmöglichkeit für die Eltern hat die holländische Organisation »Kinderen in Nood«
kostenlos eine Wohnung für bis zu acht Personen in Bukarest zur Verfügung gestellt.
Das Waisenkind Stefana
Eines der kranken Kinder, das ich während meines Besuchs bei der Organisation P.A.V.E.L. kennen gelernt habe, war das zehnjährige Waisenkind Stefana.
Stefana wurde 1989 in Focsani geboren. Ihr Vater verließ die Familie, als Stefana zwei Jahre alt war. Stefanas Mutter, die geistig behindert ist und keine Arbeit hat,
konnte das Kind nicht ernähren und war damit überfordert, es groß zu ziehen. Also wurde das Mädchen in ein Kinderheim gegeben,
wo es ohne elterliche Liebe aufwachsen musste. Nach einigen Jahren im Kinderheim erkrankte Stefan an Krebs.
An ihrer Schulter bildete sich ein riesiger Tumor. 1998 war sie dann viel zu spät in ein Krankenhaus nach Bukarest eingeliefert worden.
Dort wurde ihr Anfang 1999 der linke Arm und die Schulter amputiert. Nachdem sich Stefanas Zustand zunächst gebessert hatte, brach die Krankheit im April wieder aus.
Stefana litt seitdem unter furchtbaren Schmerzen.
Seit April hatten Olga Ionescu und ihr Lebensgefährte Frank Cole sich um das Mädchen, das ganz alleine war, gekümmert.
Stefana hatte jetzt endlich wieder zwei Personen, die ihr ein wenig elterliche Liebe geben konnten.
Deshalb waren Olga und Frank auch »Mama Olga« und »Daddy Frank«. Sie war sehr anlehnungsbedürftig und suchte immer nach Zuneigung.
In ihrem bisherigen kurzen Leben im Kinderheim hatte sie all das vermisst. Es war bewundernswert, mit welcher Tapferkeit sie die täglichen Leiden hinnahm.
Wegen fehlender Medikamente und wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse im Krankenhaus, aber auch,
weil man sich im Krankenhaus nicht genug um sie kümmerte, verschlechterte sich ihre Situation dramatisch.
Die Wunde, die vom Hals bis fast zur Hüfte ging, verfärbte sich schwarz.
Besuch bei Stefana im Krankenhaus
Als ich im Juli in Bukarest war, um mich über die Arbeit der Elterngruppe P.A.V.E.L. zu informieren, fuhren Olga ionescu und Frank Cole mit mir auch in das
Bukarester Krankenhaus, in dem Stefana lag. Es war an diesem Tag in Rumänien fürchterlich heiß. Die Temperaturen stiegen auf 35 Grad.
Da ich das Krankenhaus schon von meinem letzten besuch kannte, wusste ich in etwa, was mich erwarten würde. Als wir dann aber das Zimmer,
in dem auch Stefana lag, betraten, war ich schockiert über die Verhältnisse in diesem Zimmer: Es war unerträglich heiß und es roch entsetzlich.
In sechs Betten lagen nicht nur sechs kranke Kinder, bei vier Kindern lagen auch noch die Mütter mit im Bett. Wie Olga mir sagte, ist dies durchaus üblich.
Da die meisten Mütter sich während der Behandlungszeit des Kindes kein eigenes Zimmer außerhalb des Krankenhauses leisten können und das Krankenhaus
selbst auch kaum Räume für die Eltern zur Verfügung stellt. Sind die Mütter den ganzen Tag bei ihren Kindern und übernachten bei ihren kranken Kindern mit im Bett!
Stefana lag im Bett direkt am Fenster. Sie wimmerte vor Schmerzen. Als sie aber Olga und Frank erkannte, streckte sie gleich den Arm aus
und freute sich über den Besuch ihrer »neuen Eltern«. Da es so heiß war, hatte Olga ihr eine große Flasche Brause mitgebracht, die sie sofort fast leer trank.
Olga nahm das Mädchen in den Arm und streichelte es und obwohl jede Bewegung für Stefana schmerzvoll war, fühlte sich das Mädchen jetzt geborgen.
Und wie bei jedem Besuch musste Olga ihr wieder Märchen erzählen. Besonders die Geschichte von Schneewittchen liebte Stefana.
Stefana klammert sich dabei mit dem ihr noch verbliebenen Arm ganz fest an Olga, so als ob sie sie nie wieder gehen lassen wollte.
Um so schwerer war dann natürlich der Abschied. Stefana flehte Olga und Frank an, sie doch mit zu sich nach Hause zu nehmen.
Aber das ging natürlich nicht.
Stefanas Qualen wurden immer schlimmer
Am nächsten Morgen hatte ich mich in der Wohnung der Organisation P.A.V.E.L. mit Olga und Frank verabredet.
Auch an diesem Tag war es wieder unerträglich heiß. Als ich dort morgens erschien, lag zu meiner Überraschung Stefana auf der Couch.
Olga erzählte mir, dass Stefana von Frank aus dem Krankenhaus geholt worden war, um sie in der Wohnung von P.A.V.E.L. einer anderen Ärztin vorzustellen,
in der Hoffnung, das diese Ärztin etwas gegen Stefanas furchtbare Schmerzen tun könnte.
Die Ärztin untersuchte Stefanas Wunde und übergab Olga und Frank verschiedene Medikamente, die angeblich Stefanas Schmerzen lindern würden.
Und obwohl Stefana gleich Schmerzmittel bekam, ließen die Schmerzen auch nach Stunden nicht nach. Olga versuchte Stefana von den Schmerzen abzulenken.
Sie spielte mit ihr und erzählte ihr wieder ein Märchen, woraufhin das Mädchen für kurze Zeit vor lauter Erschöpfung einschlief.
Aber sie wachte wieder auf und wimmerte leise vor sich hin. Olga und Frank waren verzweifelt und hilflos. Sie taten alles ihnen Mögliche für das Mädchen.
Aber ihnen war klar, dass sie das Kind wieder ins Krankenhaus bringen mussten. Als Stefana dies aber merkte, versuchte das Mädchen, sich laut weinend dagegen
zu wehren, es war jedoch zu erschöpft. Sie hatte solche Angst vor dem Krankenhaus.
So fuhren Frank, Olga und Stefana, eine weitere Mutter, die zurzeit in der Wohnung von P.A.V.E.L. lebte,
und ich bei 35 Grad Hitze eingezwängt in einem kleinen Dacia durch Bukarest.
Ich hatte den Eindruck, dass die Fahrt, die eine halbe Stunde dauerte, nie enden würde. Was ich hier miterlebte, konnte ich nicht begreifen.
Wir fuhren mit einem todkranken Mädchen durch Bukarest, das während der gesamten Fahrt qualvoll vor Schmerzen wimmerte.
Warum waren die Ärzte nicht in der Lage, sie wenigstens von den fürchterlichen Schmerzen zu befreien?
War sie denn, weil sie keine Überlebenschance mehr hatte, nur noch ein wertloses Lebewesen, um das man sich nicht mehr kümmern musste?
Wie menschenunwürdig dies alles für Stefana war.
Als wir endlich beim Krankenhaus angekommen waren, hielt Frank kurz vor einem Obsthändler, der seinen Stand direkt vor dem Eingang aufgebaut hatte, an.
Frank gab dem Obsthändler heimlich zwei tafeln Schokolade. Als Frank meinen fragenden Blick sah, klärte er mich auf.
Da Stefana kein vernünftiges Essen und bei der unerträglichen Hitze im Krankenhaus viel zu wenig zu trinken bekäme, hatte er mit dem Obsthändler vereinbart,
dass dieser einmal am Tag zu Stefana gehen und ihr eine große Flasche Brause und etwas Obst bringen solle.
In Stefanas Krankenzimmer angekommen, versuchte Olga sofort einen Arzt zu finden. Es dauert nicht lange, bis dieser mit einer Krankenschwester erschien.
Das leidende und wimmernde Mädchen schien bei beiden Mitleid hervorzurufen. Der Arzt diskutierte mit Olga und versprach, sich um das Mädchen zu kümmern.
Stefan merkte natürlich, dass sie gleich wieder ohne Olga und Frank allein im Krankenhaus zurückbleiben musste. Sie versuchte,
Olga und Frank solange wie möglich bei sich zu behalten. So erzählte Olga ihr erneut das Märchen von Schneewittchen.
Aber es nutzte nichts, das Mädchen musste trotz allen Widerstandes und obwohl es bitterlich weinte und flehte, allein im Krankenhaus zurückgelassen werden.
Als Olga, Frank und ich wieder im Auto saßen, sagte keiner von uns ein Wort, ich merkte nur, wie Olga weinte.
Sie versuchte alles in ihrer Macht stehende, um dem Mädchen zu helfen und war doch hilflos. Ich dachte in dem Moment, wie viel Kraft muss ein Mensch haben,
um immer wieder mit solch schlimmen Situationen fertig werden zu können. Und das in der Gewissheit, dass in den meisten Fällen, doch der Tod siegen würde.
Als ich abends Bukarest verließ, wusste ich, dass ich Stefana nie wieder sehen würde.
Olga versprach mir aber, mich auch weiterhin telefonisch auf dem Laufenden zu halten.
Der Tod war eine Erlösung für das Mädchen
Olga und Frank, die auch weiterhin Stefana im Krankenhaus besuchten, fuhren xxx Tage in Urlaub. Als sie zurückkehrten und Stefana im Krankenhaus in
Bukarest besuchen wollten, war das Mädchen nicht mehr dort. Man sagte Olga, dass man das Mädchen in das 300 km entfernte Waisenkinderheim von Foscani
zurückgebracht hätte und dem Krankenhaus dort die weitere ärztliche Versorgung überlassen hätte.
Im Krankenhaus von Foscani, in das sie sofort gebracht wurde, war man natürlich nicht in der Lage, dem Mädchen zu helfen,
also wurde Stefan diesmal in ein Krankenhaus nach Iasi, weitere 200 km entfernt, geschickt.
Der Zustand von Stefana hatte sich natürlich inzwischen weiter verschlechtert. Wegen der unhaltbaren hygienischen Verhältnisse in den Krankenhäusern
und der für das Mädchen so langen qualvollen Fahrten bekam sie noch eine Lungenentzündung dazu. Olga und Frank,
die inzwischen erfahren hatten, wo sich das Mädchen befand, wollten sich auf den Weg nach Iasi machen. Sie erfuhren dann aber, dass Stefana dort gestorben war,
einsam, allein gelassen und unter unmenschlichen Qualen.
Der Tod muss für das Mädchen wirklich eine Erlösung gewesen sein. Sie war in ihrem kurzem Leben dazu verurteilt, ohne elterliche Liebe aufzuwachsen,
allein gelassen zu werden und bis zu ihrem Tod so fürchterlich zu leiden.
Nur in Bukarest hatte sie für kurze Zeit mit Olga und Frank zwei Menschen gefunden, die ihr Liebe und Zuwendung gegeben hatte.
Selbst die Beerdigung konnte nur unter Schwierigkeiten organisiert werden
Der Direktor des Kinderheims von Focsani, Herr Jorgu, der so erschüttert über das schreckliche Ende von Stefana war und der überhaupt nicht verstehen konnte,
warum man das Mädchen aus dem Bukarester Krankenhaus entlassen hatte, versuchte dann, für das Mädchen wenigstens eine würdevolle Beerdigung
in ihrem Heimatost Focsani zu ermöglichen. In Iasi wäre der Leichnam sonst verbrannt worden und es gäbe dann keinerlei Hinweise mehr auf das Mädchen.
Aber eine Überführung des Leichnams nach Focsani und eine Beerdigung dort schienen plötzlich an den vielen Formalitäten und den Beerdigungskosten zu scheitern.
Erst als Direktor Jorgu direkt beim Bürgermeister von Iasi vorstellig wurde und auch die Bestattungskosten von etwa 200 DM von der Gemeinde Foscani und
der orthodoxen Kirche übernommen werden konnten, holte Herr Jorgu den Leichnam in einer einfachen Holzkiste nach Focsani.
Dort fand die Beerdigung, die der orthodoxe Priester durchführte, statt. Herr Jorgu hatte ebenfalls dafür gesorgt, dass Stefanas behinderte Mutter
an der Beerdigung teilnehmen konnte. Sie hatte ihre Tochter seit der Zeit, als sie sie in das Heim gegeben hatte, nicht mehr gesehen.
Auch Olga und Frank hatten sich auf den weiten Weg nach Focsani gemacht, um wenigstens bei der Beerdigung dabei zu sein.
Denn Stefana war für beide in der kurzen gemeinsamen Zeit in Bukarest ein ganz besonderes Mädchen gewesen, das trotz ihrer täglichen Leiden so tapfer und
liebevoll war. Ein schlichtes Kreuz erinnert jetzt an das Mädchen.
Rumäniens krebskranke Kinder
Die Krebskranke Andrea,
die dem Kinderheim in Buzias
den Namen gab, mit Ihrer
gesunden Schwester
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Laut Statistik liegt die Überlebensrate bei krebskranken Kindern in Rumänien bei nur etwa 20%, in Deutschland bei etwa 75%.
Wie viel unbeschreibliches menschliches Leid verbirgt sich hinter dieser Zahl? Rumänien, das sich zur Zeit in einer tiefen Rezession befindet,
fehlen die finanziellen Mittel, um die Situation für die kranken Kinder entscheidend zu verbessern. So stehen den Ärzten im Krankenhaus nicht mal die nötigsten
Medikamente für die Behandlungen zur Verfügung. Deshalb ist es so wichtig, dass auch aus Deutschland Hilfe kommt. Wer die Not dort gesehen hat,
weiß wie wichtig diese Hilfe ist.
Hermann Fitschen
im Generalanzeiger
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